Der gigantische Beton-Rohbau der „Spaß-Fabrik“. (Foto: Andreas Lerg)
Dette og det,  Hygge

Ist das noch Dänemark – Spaß-Fabrik mit Ferienhaus-Kaserne und Massenabfertigung?

Was den Urlaub in Dänemark für viele Menschen und Fans des Landes so attraktiv macht, sind die Ferien in einem typischen Sommerhaus. Diese sind in entsprechende Siedlungen zusammengefasst und meist malerisch in der Landschaft gelegen, mal am Meer, mal an einem der Fjorde oder an einer sonst sehr attraktiven Stelle der Region. In diesen klassischen „Sommerhusområder“, also den Ferienhausgebieten oder -siedlungen, liegen die Häuser locker verstreut in einem meist naturbelassenen Gelände. Es sind in der Regel individuelle, gemütliche Häuser meist von privaten Eigentümern mit ausreichend Grundstück darum herum, damit man Privatsphäre hat. Vom nächsten Nachbarn trennen einen etwas Distanz, Gelände und/oder Vegetation. Du hörst die Nachbarn vielleicht, aber Du siehst sie kaum, sitzt ihnen quasi nicht halb auf der Terrasse. Du bist individuell, unbeobachtet,  also „für dich“. Eben richtige, typisch dänische Ferien-Hygge. Schau Dir diese drei Bilder an und Du weißt, was ich meine. 

Genau das macht Sommerhaus-Ferien in Dänemark aus. Das ist, was viele Besucher in Dänemark im Urlaub suchen und genießen. Das ist, was auch ich an diesem Land und dem Urlaub dort liebe.

Doch leider zeichnet sich zumindest in den touristischen Hochburgen Dänemarks ein trauriger Trend ab, dessen bislang schlimmste Auswüchse wir in diesem Sommer (Juni 2021) in Søndervig bestaunen mussten. Søndervig liegt am nördlichen Ende des Holmsland Klit, jenes schmalen Streifens Land, der den Ringkøbing Fjord von der Nordsee trennt und bei Nymindengab im Süden beginnt. In der Mitte finden wir Hvide Sande und am nördlichen Ende dieser Nehrung liegt eben Søndervig.

Lalandia baut wirklich XXL

Der gigantische Beton-Rohbau der „Spaß-Fabrik“. (Foto: Andreas Lerg)
Der gigantische Beton-Rohbau der „Spaß-Fabrik“. (Foto: Andreas Lerg)

Und dort in Søndervig wird landeinwärts der Durchgangsstraße derzeit etwas gebaut, dass laut den Schildern an der Baustelle „Lalandia“ heißen und eine Art gigantischer Ferienpark werden soll. Während wir nahe Hvide Sande Urlaub machten, wurde dort ein Betonbau von absolut gigantischen Ausmaßen gerade mit der Dachkonstruktion gekrönt. In diesem riesigen Gebäude, sicherlich von der Fläche her so groß wie circa fünf bis sechs Fußballfelder, werden eine riesige Badelandschaft und allerlei „Indoor-Aktivitäten“ entstehen, wie man es auf Neudeutsch nennt. Und auf dem Gelände gibt es dann sicher auch „Outdoor-Aktivitäten“. Also eben eine gigantische „Spaß-Fabrik“. 

Das Gebäude wirkt wie ein überdimensionierter Bunker. Zumindest im derzeitigen Zustand. (Foto: Andreas Lerg)
Das Gebäude wirkt wie ein überdimensionierter Bunker. Zumindest im derzeitigen Zustand. (Foto: Andreas Lerg)

Und um diese Beton-Gigantomanie herum ist auch schon eine wohl am Reißbrett eines Städteplaners entworfene Ferienhaus-Kaserne so gut wie fertig. Anders kann man diese in die früheren landwirtschaftlichen Äcker gestöpselte Ansammlung geklonter, standardisierter Häuser nicht nennen. Immer sind es aneinander klebende Doppelhaushälften. Bauliche Massenware. Mal kleiner und kompakt und damit wohl auch günstiger, und zwei Straßen weiter dann größer und luxuriöser und damit auch teurer. Aber eben immer im Doppelpack und der nächste Doppelpack steht oft kaum 15 Meter neben dran. Ein halbes Dutzend Doppelpacks auf der einen Straßenseite und das andere Dutzend gegenüber. 

Kaum Chance, privat und „unter sich“ zu sein. In den Doppelhaushälften wirst Du hören, was deine direkten Nachbar im Fernsehen schauen oder sonst so treiben. Und auch die Nachbarn links und rechts oder gegenüber sind in Sicht-, Hör- und Riechweite. Gemütlich ist das meiner Meinung nach definitiv nicht mehr. Vielleicht ist das auch die klammheimliche Absicht, um die Besucher dieses gigantischen Ferienparks möglichst häufig in die Spaß-Fabrik zu treiben.

Ertragsoptimierte Massentourismus-Haltung

Das ganze erinnert an die Centerparks und dieses „Alles unter einen Dach-Prinzip“ dürfte auch die wesentliche Absicht dieses Komplexes und seines Anbieters sein: Die Gäste möglichst auf dem Gelände halten. Sie sollen dort wohnen, dort zum Essen gehen, einkaufen und natürlich die zahllosen Freizeitaktivitäten nutzen. Sie sollen das Gelände am besten so selten wie möglich verlassen und ihr Geld eben genau dort ausgeben. Kein Spaziergang am Strand, nicht die Sehenswürdigkeiten der Region erkunden. Sondern auf dem Gelände bleiben und für Umsatz sorgen. Ähnliche Anlagen betreibt Lalandia bereits in Billund und Rødby. Hier einmal ein Werbetext von der Internetseite für die Anlage in Billund: 

WILLKOMMEN IN LALANDIA IN BILLUND 

Besucht Lalandia in Billund und erlebt die Neuheiten: die pfeilschnelle Wasserrutsche Turbo Racer und den wilden Kletterturm Adventure Tower. Bucht einen Kurzurlaub und wohnt in einem schönen Ferienhaus mit Platz für die ganze Familie. Genießt das tropische Klima im Aquadome und die viele Wasserrutschen. Entdeckt auch die einladenden Shops und kinderfreundlichen Restaurants im Ferienpark.

Auch hier direkt in Hvide Sande wird auf wenig Raum stellenweise „auf Masse gemacht“, indem Ferienwohnungen als Reihenhäuser für „optimale Flächennutzung“ sorgen. (Foto: Andreas Lerg)
Auch hier direkt in Hvide Sande wird auf wenig Raum stellenweise „auf Masse gemacht“, indem Ferienwohnungen als Reihenhäuser für „optimale Flächennutzung“ sorgen. (Foto: Andreas Lerg)

Aber nicht nur diese Ferienpark-Monster fallen einem in den letzten Jahren auf. Leider sieht man in sehr stark vom Tourismus geprägten Gegenden gerade auch in dieser Region am Ringkøbing Fjord immer häufiger, das Konzepte „auf Masse“ realisiert werden. Da gibt es in Hvide Sande und anderen Gegenden „Ferien-Reihenhäuser“ bei denen acht, zehn oder mehr „Wohneinheiten“ aneinander kleben. Uniforme Gebäude mit uniformen Wohnungen und uniformer Ausstattung. Oben ein Bild einer solchen Anlage direkt nahe der Schleuse in Hvide Sande.

Von zu viel bis viel zu viel

Mit den Ferienhaussiedlungen „alter Schule“ war auch dafür gesorgt, dass eine Region nicht mit Urlaubern „überfüllt“ wird, sondern ein gesundes Maß an Gästen eingehalten wurde. Aber die neuen Konzepte wollen genau das Gegenteil: So viele Urlauber wie möglich auf so wenig Raum wie möglich packen, um dann eben einen hohen „Flächenertrag“ auf kleiner Fläche zu haben. Die Folge: Es wird in den Regionen eben auch immer voller und voller! Mehr Autos, mehr Verkehr.

Im Jahr 2019 haben wir das – wenn auch nicht ganz so drastisch – schon auf der Insel Fyn in einer Ferienhaussiedlung so erlebt, wie diese Bilder zeigen. Damals haben wir den Fehler gemacht, das Ferienhaus nur nach den Bildern im Katalog zu buchen und nicht vorher mal Google Maps zu bemühen. Das Haus selbst war schön, aber eben eines von vielen, die viel zu dicht aufeinander hocken.

Und genau das „zu viel“ und „zu voll“ macht sich bereits bemerkbar. Das deutschsprachige Dänemark-Magazin sh-ugeavisen.dk berichtet am 7. Juli 2021 unter der Überschrift „Touristischer Erfolg in Blåvand stellt Dilemma dar: Wann wird es zu viel?“ (https://sh-ugeavisen.dk/index.php/2021/07/07/touristischer-erfolg-in-blavand-stellt-dilemma-dar-wann-wird-es-zu-viel/) das es den Bewohnern der ebenfalls sehr beliebten Ferienregion Blåvand – etwa 80 Kilometer südlich von Søndervig – mittlerweile zu viel wird. So steht dort zu lesen, dass in Blåvand und Umgebung, wo 300 Menschen ständig wohnen und leben, im Sommer pro Tag bis zu 50.000!!! Besucher unterwegs sind. Und das führt laut dem Bericht zu Problemen, weil beispielsweise die Zufahrtsstraße und ähnliche Infrastruktur garnicht dafür ausgelegt sind, so viele Menschenmassen zu bewältigen. 

In dem Artikel wird Ferienhausbesitzer Knud Johannson wie folgt zitiert: „Wir haben jetzt ein Niveau erreicht, bei dem die Zahl der Besucher des Gebiets beginnt, Natur und Tierwelt zu untergraben. Jedes Mal, wenn Politiker einen kahlen Fleck sehen, muss darauf gebaut werden. Die kleinen Atemlöcher für Mensch und Tier verschwinden – und damit auch der ganze Grund, Blåvand überhaupt zu besuchen.“ Und auch: „Jedes Mal, wenn wir versuchten, die Politiker zum Nachdenken zu bringen, fühlte es sich an, als würde man auf ein Kissen schlagen. Sie hörten nicht zu. Es ist, als hätten sie eine Schlussfolgerung, die sie erreichen wollen, und dann tun sie alles, um dorthin zu gelangen.“

Kurz mal heftig Urlaub machen

Mit den Ferienanlagen wie Lalandia zielt die Tourismus-Industrie zudem auch auf Gäste, die nicht ein, zwei oder drei Wochen, also einen ganzen Sommerurlaub in Dänemark genießen wollen. Sie zielen vor allem auch auf die Gäste, die einen Kurzurlaub wie beispielsweise ein verlängertes Wochenende dort verbringen wollen. Das siehst Du auch an der oben zitierten Werbung von Lalandia von deren Webseite. Und das klingt auch im erwähnten Artikel von sh-ugeavisen.de an, wenn dort Politiker Mads Sørensen, von der rechtsliberalen Partei Venstre wie folgt zitiert wird: „Wenn wir die Touristen fragen, was sie sich wünschen, sagen sie mehr Möglichkeiten, in Küstennähe zu leben und die Möglichkeit, auch kürzere Aufenthalte in z. B. Blåvand zu machen. Im Moment bieten wir hauptsächlich nur einwöchige Aufenthalte an. Wir können viel gewinnen, wenn wir auch Aufenthalte von zwei-drei-vier Tagen anbieten können.

Genau auf diese Gäste, die „kurz mal heftig Urlaub machen wollen“, scheint meiner Meinung nach auch Lalandia in Søndervig ausgelegt zu sein. Jemand der ein, oder zwei bis drei Wochen Urlaub machen und sich entspannen und erholen will, wird es wohl kaum solange in so einem uniformen Doppelhaus in der Ferien-Kaserne aushalten. Der wird dann doch eher das klassische „Sommerhuset“ inklusive Hygge und Privatsphäre suchen und buchen. Aber wer eben ein verlängertes Wochenende kurz, knackig und bespaßt verbringen will, wird sich an dieser Doppelpack-Unterbringung wenig stören und sich vor allem das gesamte Angebot der Spaß-Fabrik gönnen. Die Unterkunft ist dann wohl eher nebensächliche Schlafstätte wie ein Hotelzimmer. Von der Region, Land und Leute wird er wenig sehen. Keine Spaziergänge an den kilometerlangen Stränden der Nordsee. Kein Ausflug in das kaum zehn Kilometer entfernte, wunderschöne Städtchen Ringkøbing. Keine Besuche in den verschiedenen Museen der Region, ob das Luftfahrtmuseum auf der Ostseite des Fjords, das Tirpitzmuseum bei Blåvand oder auch das Wikinger-Freiluftdorf „Bork Havn“ bei Nymindengab. Er reist meinetwegen Donnerstagabends an und ist Sonntagnachmittags wieder auf der Heimreise. Und zwischen drin bleibt er eben auf dem Gelände und macht dort in der Spaß-Fabrik „alles einmal durch“.

Ist das noch Dänemark und typisch dänisch? Für mich nicht

Nicht missverstehen, wer das so gerne mag, dem sei es gegönnt. Aber für mich hat das nichts mehr mit Urlaub in Dänemark zu tun. Und wenn ich mir diesen in die schöne Landschaft hinein gebombten Betongiganten der Lalandia Spaß-Fabrik anschaue, der da in Søndervig kurz vor der Vollendung steht und die flächenoptimierte Ferien-Kaserne, dann weiß ich nicht, ob das der Region und dem Land wirklich gut tut. Oder ob es Dänemark zumindest vor Ort nicht viel eher seinen ganz besonderen Charme und Charakter raubt.

Was denkt Ihr? Lasst es mich wissen.

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